Liebe von Anfang an
Wie wichtig eine entspannte Schwangerschaft für den Fötus ist
Carla, 38 brachte vor zehn Monaten per Kaiserschnitt ein gesundes Mädchen zur Welt. Während der Schwangerschaft streichelte sie instinktiv ihren Bauch und spielte dem Ungeborenen klassische Musik vor. Aber es gab auch Stressphasen, in denen sie sich um die bevorstehende Geburt sorgte und nachts stundenlang grübelte. Die Forschung weiß, dass das vorgeburtliche Kind die Gefühle der Mutter wahrnehmen kann.
Wenn diese unter Anspannung steht oder sich sehr wohlfühlt, wirkt sich das auf das Kind im Mutterleib aus. Hormone werden ausgeschüttet und der Herzschlag verändert sich. Nach neuesten Erkenntnissen ist die Gebärmutter kein hermetisch abgeriegelter Raum. Es ist nicht gleichgültig, was in der Außenwelt während der Schwangerschaft geschieht. Nicht alle werdenden Mütter freuen sich auf ihr Kind. Manche werden ungewollt schwanger, andere leiden unter Partnerschaftsproblemen oder unter Existenzsorgen. Babys können entweder entspannt oder aber ängstlich zur Welt kommen. Neben der medizinischen Forschung, die sich mit möglichen körperlichen Fehlentwicklungen befasst, kümmern sich Neurobiologen um die seelischen Belange und Auswirkungen von Stress auf das ungeborene Kind.
Gewalt durch Stress?
Dr. Anja Huizink von der Universitätsklink in Utrecht in den Niederlanden, Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie schrieb eine Arbeit über pränatalen Stress. Es gibt Ansätze, die belegen, dass ein erhöhtes Maß an Gewaltbereitschaft bei Erwachsenen auf pränatale Traumata zurückzuführen ist. Die US-amerikanischen Mediziner Professor Peter Nathanielsz und der Psychiater Thomas Verny sind bei dieser Forschung führend. Neun Monate dauert eine Schwangerschaft und die Menschwerdung mit einem intensiven Gefühlsaustausch zwischen Mutter und ungeborenem Kind. Es reagiert mit hormonellen Veränderungen im Blutkreislauf auf die Stimmungen der werdenden Mutter. Auch danach nimmt der Säugling die Regungen seiner wichtigsten Bezugsperson höchst sensibel auf. Ist sie nervös, wird auch das Kind unruhig.
Postnatale Traumata
Der größte Schock, den ein werdender Mensch erleben kann, ist ein Abtreibungsversuch der werdenden Mutter. Scheitert er und das Kind kommt zur Welt, können seelische Verstörungen und pschosomatische Krankheiten die Folge sein. Doch auch weniger dramatische Schwangerschaften, die mit einer Frühgeburt enden, sind nicht unproblematisch. Es ist möglich, dass das zu früh geborene Kind im späteren Leben als Erwachsener ständig unter Zeitdruck steht und sich laufend gestresst fühlt. Das Kind, das eine überlebte Abtreibungserfahrung hinter sich hat, sucht vielleicht als Erwachsener unbewußt permanent gefährliche Situationen auf. Wenngleich es auch Ansätze gibt, die von einem angeborenen Dopamin-Rezeptor-Gen sprechen, das das Gefühl von Nervenkitzel mildert. Diese Personen suchen später häufig den Dopamin-Kick beim Bungee-Jumping, auf Abenteuerreisen oder als Rennfahrer im Cockpit. Das zumindest ist die These der Molekulargenetiker.
Die Genetik ist nicht alles
Der amerikanische Mediziner Professor Peter Nathanielsz ist überzeugt davon, dass die Organe, der Körperbau, unsere Intelligenz und die Anlagen nicht nur von den Genen abhängen. Sie würden im Wechselspiel mit der Umwelt wirken. Die Medizin gibt Auskunft darüber. Beim Erwachsenen hängt das Immunsystem auch mit dessen Wohlbefinden zusammen. Wer gestresst ist, ernährt sich schlechter, verbraucht mehr Vitamine und schüttet automatisch Adrenalin und Cortisol aus. Diese Stresshormone der Schwangeren belasten das ungeborene Kind über die Nabelschnur. Sein Herzschlag erhöht sich und die körperliche Spannung steigt. Im schlimmsten Fall bewegt es sich kaum mehr und erstarrt. Vielleicht läßt sich dadurch auch das Phänomen von nicht bemerkten und ungewollten Schwangerschaften sehr junger Mütter erklären.
Psychische Probleme im späteren Leben
Die psychischen Auswirkungen dieses vorgeburtlichen Stresses sind noch nicht genau ergründet, könnten sich aber später beim Erwachsenen durch innere Unruhe, Abschaltproblemen und Schlafstörungen bemerkbar machen. Es ist auch möglich, dass die so genannten Schrei-Babys, die stundenlang offensichtlich ohne erdenklichen Grund brüllen, zuvor Dauerstress ausgesetzt waren. Selbst wenn es Mediziner gibt, die auch die Dreimonatskoliken als Ursache dafür in Betracht ziehen. In einer Studie der holländischen Psychologin Dr. Anja Huizink an 170 Schwangeren ergab sich folgendes Bild: Die Kinder von ängstlichen und gestressten Müttern entwickelten sich langsamer als die der entspannten Mütter. Und die Belgierin Bea van de Bergh vom Familienforschungszentrum Brüssel kam in ihrer neun Jahre andauernden Studie zu dem Resultat, dass die Kinder mit pränatalem Stress später unaufmerksam und hyperaktiv waren und sich schlecht konzentrieren konnten. Umgekehrt sorgt eine glückliche und ausgeglichene Mutter für die Ausschüttung des Glückshormons Oxytocin durch liebevolle und schöne Erlebnisse und damit für eine gesunde psychische Entwicklung ihres Ungeborenen. Die Sorgsamkeit kann nicht früh genug beginnen.
© Corinna S. Heyn
Tipps für eine gute Entwicklung des Ungeborenen:
* In den ersten drei Monaten entwickeln sich die Organe des Kindes. Es ist nicht ratsam, die Ernährung radikal umzustellen
* Insbesondere in den letzten drei Schwangerschaftsmonaten kann Ihr Kind Sie hören. Spielen Sie Ihrem Ungeborenen angenehme klassische Musik vor oder sprechen Sie und der werdende Vater zu ihm
* Streicheln Sie Ihren Bauch und entspannen Sie sich bei einem warmen Bad. Die Entspannung überträgt sich auch auf das Ungeborene
* Vermeiden Sie Stress, lautes Schreien, Nervosität und Gereiztheit und somit die Ausschüttung von Stresshormonen
* Gehen Sie bei anhaltenden Depressionen und Angstzuständen zu einem Facharzt, um Schäden beim Ungeborenen zu verhindern
* Denken Sie an Ihr Ungeborenes mit Liebe. Es ist nicht gleichgültig, was Sie fühlen. Bei Glück schüttet der Körper Endorphine/Glückshormone aus. Hormone übertragen sich über die Nabelschnur auf Ihr Kind
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Literatur: Janet Balaskas/Yehudi Gordon, Der große TRIAS-Ratgeber Schwangerschaft und Geburt. Trias 2004
Terry Burnham/Jay Phelan, Unsere Gene. Eine Gebrauchsanleitung für ein besseres Leben. Argon 2002
Peter A. Levine/Maggie Kline, Kinderseelen heilen. Wie Kinder und Jugendliche traumatische Erlebnisse überwinden können. Kösel 2005
Victor Chu, Lebenslüge und Familiengeheimnisse. Auf der Suche nach der Wahrheit. Kösel 2005
Martin Dornes, Der kompetente Säugling. Die präverbale Entwicklung des Menschen. S. Fischer 1993